Workshop Lavaterhaus – Gedanken
Am vergangenen 2. Mail 2026 fand im Lavaterhaus ein Workshop über die Zukunft der letzten frei zugänglichen Videothek im Grossraum Zürich statt. Etwa 30 Teilnehmer/innen versuchten über einen Nachmittag zu ergründen, wie die Zukunft von lesvideos.ch aussehen könnte.

Lesvideos.ch braucht ein neues Zuhause
Für all jene, die lesvideos.ch nicht kennen, sei gesagt, dass die Sammlung von lesvideos.ch über Zehntausende von DVDs verfügt, die entweder gegen ein Entgelt von 8 Franken pro Film oder über eine Flatrate von 365 Franken pro Jahr für den «unlimitierten» Zugriff (pro Besuch können 5 DVDs bezogen werden) gemietet werden können.
Da das Kerngeschäft von lesvideos.ch ausschliesslich auf das Vermieten von physikalischen DVDs ausgelegt ist, bildet ein gut erreichbares Lokal in der Innenstadt von Zürich (Nähe Zentral) einen wichtigen Bestandteil, damit lesvideos.ch als (letzte!) Videothek attraktiv bleibt.
Seit etwa 10 Jahren ist lesvideos.ch als Verein organisiert. Der Vorstand bemüht sich seit einiger Zeit, ein neues Lokal zu suchen, da der bestehende Mietvertrag auf 2028 ausläuft. Bei dieser Suche hat die Wirtschaftsdiakonie der reformierten Altstadtkirchen Zürich in der Person von Duke Seidmann seine Hilfe angeboten.
Aus diesem Grunde fand der Anlass im altehrwürdigen Lavaterhaus in der Altstadt statt. Die 30 Teilnehmenden versuchten in 2 Workshops Lösungen zu erarbeiten, um die Zukunft von lesvideos.ch sicherzustellen.
Anlässlich des Gespräches zeigte sich, dass es aktuell eine gewisse Hoffnung gibt, dass lesvideos.ch noch etwas länger im bisherigen Lokal verbleiben könnte.

Lesvideos.ch braucht Digital
Warum erlaube ich mir an dieser Stelle über diese Veranstaltung zu berichten? Einmal, weil ich dank lesvideos.ch mittlerweile eine vierstellige Anzahl von Filmen in meiner Sammlung habe, die ich ohne lesvideos.ch so wohl niemals hätte finden können.
Weiter aber, und dies ist mir zentraler, finde ich den Ansatz von lesvideos.ch im Kern zu kurz gegriffen. Meine Motivation, ein digitales Privatarchiv zu etablieren, liegt ja darin, dass es schon heute schwierig ist, ältere Filme zu finden. Die DVDs bieten (eben auch lesvideos.ch) hier sicher eine gute Anlaufstelle.
Aber, und das möchte ich hier nochmals in aller Form festhalten, die DVDs unterliegen einem chemischen Alterungsprozess. Aktuell verfügt lesvideos.ch weder über Sicherungskopien der DVDs noch über digitale Kopien. Meine Versuche, eine Digitalisierung besser heute als erst irgendwann anzuregen, scheiterten bislang (sei es an der Theke, mit zwei Anträgen an der GV, etc). Und dies obwohl an der GV darüber gesprochen wurde, dass im Falle eines Brandes unwiderruflich alles weg bzw. es wohl das Ende von lesvideos.ch wäre.
Nun war/ist es nicht einfach, das Thema Digitalisierung aufzugreifen. Zwar waren sich Vorstand wie auch die Anwesenden (das Durchschnittsalter dürfte Ü60 gewesen sein) einig, dass ein jüngeres Publikum angesprochen werden sollte. Dass dem nicht ganz so einfach ist, war auch klar, denn die jüngere Generation kennt DVD-Laufwerke gar nicht erst mehr.
Als dann jemand aus der Runde einbrachte, er möchte nicht, dass die junge Generation angesprochen würde, weil diese mit den Datenträgern nicht genügend sorgsam umgehen würde, da musste ich dann doch unweigerlich entgegenhalten.
- Schon heute ist ca. jede 20 DVD entweder nicht oder nur mit viel Mühe irgendwie abspielbar. Dass es zuweilen Probleme mit den Medien gibt, bestätigten einige andere Teilnehmende.
- DVDs altern nun einmal. Ohne eine aktive Strategie zur Digitalisierung dürften die bei lesvideos.ch vorhandenen DVDs in 20 Jahren zu einem gröberen Teil unlesbar sein.
- Aktuell fehlt das Bewusstsein, dass dem so ist und dass die Sammlung digitalisiert werden muss. Vielmehr besteht aktuell (so mein Eindruck) eine gewisse Angst, dass bei einer Digitalisierung der Sammlung der bisherige Charakter von lesvideos.ch verloren ginge.
- Meines Erachtens kann ein jüngeres Publikum nur erreicht werden, wenn die Inhalte digital vorhanden sind. Die Idee, dass die Jugendlichen sich DVD-Laufwerke kauften und eine Flatrate von 365 Franken zahlten und für jede DVD in den Laden kommen, dies erscheint mir utopisch.
- Eine Digitalisierung muss nicht das Ende der bisherigen Ausleihe bedeuten. Vielmehr könnte ein digitales Angebot in Zukunft helfen, das analoge Angebot weiterhin betreiben zu können.
In 12 Monaten digital
Meine Argumente führten in der Diskussion zunächst einmal zu einem «Abwehrreflex». Es brauche keine Digitalisierung, im übrigen sei es auch rechtlich nicht zulässig. Und, und, und… Es darf angefügt werden, dass das Thema Digital an dieser Stelle immerhin einmal diskutiert wurde. Meine bisherigen Versuche, das Thema anzusprechen, verliefen bisher alle sehr sehr im Sande. In diesem Sinne ist das schon einmal ein Fortschritt.
Während des Workshop bin ich mit meinem Sitznachbarn Walter Weber ins Gespräch gekommen, wir sprechen über Filme bzw. das private Sammeln dieser. Nun ist Walter Weber kein «unbeschriebenes» Blatt. Er hat als Schweizer-Regisseur (primär) in Deutschland Dutzende von Spielfilmen realisiert. Darunter sind auch zwei Folgen der Kult-Serie Wilsberg.
Am Abend konnte ich meinen beiden Töchtern (16/19) erzählen, ich hätte den Regisseur Walter Weber getroffen, der Regie bei Wilsberg führte — und damit konnte ich dann doch punkten. Walter Weber sei Dank! Ins lesvideos.ch konnte ich meine Töchter bislang übrigens nie überreden. Hingegen findet ein reger Austausch statt, welche Streifen (die ich jetzt nicht alle sehen würde) in unser Privat-Archiv aufzunehmen sind.

Hausaufgaben gemacht ?
Eine Aufgabe aus dem Workshop war, auf einem Zettel zu schreiben, was kann ich tun? Und das, was hingeschrieben wurde, dann auch in die Tat umzusetzen. Also, ich habe diese Punkte an dieser Stelle in die Tat umgesetzt.
Und sollte hier jemand einwenden, es sei unmöglich, über einen nicht kommerziellen Verein eine solche Sammlung zu digitalisieren, dass sei viel zu teuer, so möchte ich hier noch anfügen. Nein, ist es nicht. Meine Privatsammlung habe ich über die letzten 5 Jahre aufgebaut.
Dabei habe ich bislang eine mittlere vierstellige Anzahl von Stunden investiert. Dies ergibt pro Woche etwa 15 Stunden. Ich gebe zu, es ist ein zeitaufwändiges Hobby, keine Frage. Aber, das Resultat darf ich sehen lassen. So konnte ich nämlich an jenem Nachmittag Walter Weber eine zweistellige Anzahl von Titeln präsentieren, die ich von ihm bereits erfasst habe.
Aktuell sind es 22 Werke, es fehlen einzig die ersten vier Filme, diese lassen sich nirgends (mehr) finden; ein weiterer Grund, warum ein Zuwarten keinen Sinn ergibt. Zum Vergleich: In der ZB (Zentralbibliothek Zürich) sind 7 eindeutige Treffer von Walter Weber vorhanden, beim Institut für Filmwissenschaft der Universität Zürich sind es drei Werke.
Zurück zum Aufwand: In einem Verein lässt sich der Aufwand der Digitalisierung auf mehrere Schultern «aufteilen». Ich bin überzeugt, richtig angepackt, lässt sich das Vorhaben, die lesvideos.ch-Sammlung zu digitalisieren, binnen 12 Monaten realisieren. Die Kosten für Hard- und Software sind dabei vernachlässigbar.
Pro Stunde Film in DVD-Qualität werden nicht mehr als 0.5 GByte benötigt. Bei 40’000 DVDs mit im Schnitt 1.5 Std. Abspieldauer ergibt dies 60’000 Stunden Spieldauer bzw. etwa 30’000 GByte bzw. 30 TByte an Daten.
Unter der Annahme, dass es minimal 5 Kopien (2 x Live, 3 x Sicherung) benötigt, kosteten die Datenträger aktuell ca. 4500 Franken, zusammen mit zwei Rechnern, um das Management zu bewerkstelligen, wären es wohl weitere 2000 bis 3000 Franken. Das ergäbe in etwa Kosten von ca. 7000 Franken.
Wichtig wäre einfach, dass bei der Software eine Open Source Lösung (webbasiert wäre auch toll) verwendet würde. Denn so braucht es für die Software gar nicht erst ein Budget und der Zugriff/Management bliebe einfach. Entsprechende Lösungen gibt es mehrere (Jelliyfin, ArchivistaBox und/oder Universal Media Server). Just do it!
So, damit habe ich zumindest meine Hausaufgaben gemacht. Ob diese etwas bewirken, weiss ich natürlich nicht, aber wünschen täte ich es mir schon.
P.S: Das erste Bild wurde mit meiner lokalen KI generiert, das zweite Bild zeigt die Trefferansicht mit Lavater in meinem Privatarchiv (an erster Stelle findet sich der Film «Gottfried Honegger – on doit construire le monde» und das dritte Bild entstammt der Wilsberg-Folge Miss-Wahl, bei der Walter Weber Regie führte. Die Bilder werden hier im Sinne des Zitierungsrechtes verwendet. Eine anderweitige Verwendung ist ausgeschlossen. In diesem Sinne dürfen die Bilder auch nicht ab dieser Homepage kopiert werden.
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