Die Qual der Wahl

Was ins Archiv gelangt, was nicht

Im letzten Beitrag habe ich ausgeführt, dass mein Archiv der Schweizer Filme mittlerweile 10’000 Titel überschritten hat. Heute geht es darum, aufzuzeigen, warum welche Inhalte ins Archiv gelangen und andere nicht. Zur Einleitung sei gesagt: Kapazitäten sind immer begrenzt.

Gut aufbereitet sind dokumentarische Filme, nicht aber das Schweizer Filmschaffen.

Wo ich Schweizer Filme finde?

Auch wenn ich mit diesem Beitrag primär aufzeigen möchte, was warum ins Archiv gelangt bzw. eben auch nicht, so stellt am Anfang die Frage, wo sich die Inhalte überhaupt finden lassen. Letztlich kann ja «nur» das gesammelt bzw. archiviert werden, was irgendwie zugänglich ist.

Nationale und kantonale Sammlungen

Natürlich ist es für die öffentlichen Hand meist weitaus einfacher, Archive zu betreiben. So verfügt heute nicht nur der Bund oder die Kantone über grosse Archive, welche das Zeitgeschehen dokumentieren, selbst Gemeinden sind mit eigenen Lösungen zu finden. Die grösste filmische Sammlung gibt es in der Gestalt der Cinémateque Suisse. Leider ziert sich diese allerdings, ihre Archivschätze im Grundsatz öffentlich zugänglich zu machen.

Auf kantonaler Ebene erscheinen die Unterschiede gewaltig, wobei bei diesen Institutionen (gemäss meiner Recherche) noch fast immer überwiegend DVD-Sammlungen «geführt» werden. Selbst VHS-Kassetten sind in stattlicher Anzahl anzutreffen. Meistens finden sich die Datenträger in den kantonalen Bibliotheken (z.B. Zentralbibliothek Zürich). Dieser Bestand ist relativ gut über das Bibliotheks-System ‹Swisscovery› zugänglich.

Das Angebot an Schweizer Filmen in Swisscovery ist recht bescheiden.

Die Recherchemöglichkeiten in diesem System sind sehr gut und so kann gezielt nach Schweizer Filmen gesucht werden. Aktuell wird die Filmsammlung der Zentralbibliothek mit Schweizer Kontext «abgegrast». Bislang wurden einige Hundert Medien ausgeliehen und erfasst.

Dies erfolgt selbstverständlich «nur», wenn der Film nicht bereits in der Sammlung existiert. Im Bestand der Schweizer Bibliotheken befinden sich um ca. 4300 Schweizer Filme. Davon sind ca. 3800 Beiträge Online (über MIZ Online) verfügbar. Trotzdem verbleiben unter Ausschluss dieser ca. 1200 Materialien auf physischen Datenträgern. Wie ist dies möglich?

Problemfälle der öffentlichen Archive

Nun ist es im Swisscovery-System oft so, dass mehrere (gleiche) Exemplare eines Films vorliegen. Vom Film «Die Schweizermachen» (1979) z.B. existieren mehrere Exemplare, ebenso beim Film «Marie Lousie» (1943). Bei letzerem nicht zuletzt auch, weil es mittlerweile eine restaurierte Fassung des Filmes gibt. Bei «Die sechs Kummerbuben» aus dem Jahre 1968 von Franz Schnyder gibt es wiederum drei Medien, zweimal mit «Die 6 Kummerbuben» und einmal mit «Die sechs Kummerbuden» erfasst. Die obigen Angaben ergeben sich selbst dann, wenn die Suche auf die Zürcher Bibliotheken «eingeschränkt» ist.

Sechs oder 6 Kummerbuben?

Daher ist die Zahl der Filme «leider» deutlich kleiner. Ich schätze, dass im Schweizer Bibliotheksverbund vielleicht ca. 2000 bis 3000 Filme mit Bezug zur Schweiz erfasst sind, auch wenn deutlich mehr Treffer angeführt werden. Nun werden im Katalog aber Medien und nicht Titel (Filme) geführt.

Die aktuell über 10’000 Filme in meinem Archiv sind insofern anders «angeführt», als dass jeder Film einzeln erfasst wird. Bei der DVD Züri Gschnätzlets z.B. ergeben sich in meiner Sammlung 20 Beiträge, weil der Datenträger diese Anzahl von Kurzfilmen beinhaltet. Es wäre aber archivtechnisch sehr unsinnig, den Kurzfilm «Wilhelm Tell» von Kurt Gloor aus dem Jahre 1991 nicht als eigenen Film zu führen, auch wenn der Beitrag nur gute fünf Minuten lang ist.

Im Swisscovery-System ergeben sich bei der Abfrage von «Wilhelm Tell» und «Kurt Gloor» zwei Treffer, einmal ist der Beitrag Online verfügbar und weiter in der DVD Züri Gschnätzlets. Nun ist die Online-Version von sehr dürftiger Qualität. Für mein Archiv bedeutete dies, dass erst für einige Monate die Online-Version verfügbar war, ehe über die DVD-Version eine von der Qualität her deutlich bessere Qualität gefunden werden konnte.

In aller Regel wird ein Film in meiner Sammlung aber «nur» einmal geführt. Lässt sich später (wie hier vorliegend bei Wilhelm Tell) eine bessere Kopie finden, so «fliegt» die schlechtere Kopie aus dem Archiv. Dies sind aber eher seltene Fälle. In diesem Sinne bildet meine Sammlung aktuell gute 10’000 Filmbeiträge ab.

Serien und Wiederholungen

Überdies gebe ich gerne zu, dass das moviebox.ch-Verzeichnis auch ca. 1’600 Episoden aus Serien erfasst sind. Meine «Beschlagwortung» ist hier gar etwas inkonsistent, weil zuweilen (z.B. bei NetzNatur) alle Beiträge unter Serien «auftauchen», auch wenn es selbstverständlich einzelne Filme sind.

Bei anderen Formaten ist es schwieriger, z.B. die DOK-Sendungen des Schweizer Fernsehens ist nicht als Serie erfasst. Dies im übrigen nicht zuletzt auch deshalb, weil NetzNatur seit einigen Jahren unter dem DOK-Format ausgespielt wird. DOK wäre in diesem Sinne eine Super-Serie. Jedoch, unter dem DOK-Format findet sich ein sehr breites Spektrum an Filmen, was bei mir einem «Killerkriterium» für die Serien-Beschlagwortung gleichkommt.

NetzNatur, Serie oder nicht?

Hingegen habe ich (um bei NetzNatur zu bleiben) zahlreiche Wiederholungen, die es seit einigen Jahren gibt, gar nicht erst ins Archiv aufgenommen (bzw. wieder gelöscht), auch wenn z.B. ein paar Minuten Anmoderation zu Beginn «hinzugefügt» wurden. Dies reicht für einen doppelten Beitrag nicht. Anders wiederum sieht die Sache aus, wenn es mehrere (Schnitt-)Versionen gibt. Hier kann es sein, dass der gleiche Film mehrfach geführt wird.

Die obigen Beispiele zeigen gut auf, welche Schwierigkeiten bestehen, Schweizer Filme zu sammeln. Auch wenn in der Schweiz kaum je Western gedreht wurden (wir erinnern uns an The Wolfer), so befindet sich die digitale Schweizer Filmarchivierung auch 2025 noch im Zeitalter des wilden Westens.

Dies umso mehr, als zu den «grossen» digitalen Archiven des Bundes und der Kantone noch jene der Gemeinden dazukommen, die (gerade bei filmischen Materialien) sehr unterschiedlich geführt werden. Kurz und gut, es ist bis heute faktisch unmöglich, über die Schweizer Bibliotheken bzw. Archive eine ordentliche Übersicht über das Schweizer Filmschaffen zu erhalten. Und genau darum ist meine Schweizer Filmsammlung entstanden.

Vorbild aeppli.ch

An dieser Stelle möchte ich gerne auf aeppli.ch verweisen. Ohne seine Bemühungen über mehrere Jahrzehnte einer privaten Filmsammlung gäbe es meine Sammlung so auch nicht. Einmal, weil seine Sammlung über etliche Jahre mein Vorbild darstellte, welche Filme es überhaupt gibt und weiter durfte ich Felix Aeppli auch persönlich kennen und schätzen lernen. Sein Wissen um die Schweizer Filme ist unschlagbar, es dürfte gerne auch einmal gebührend gewürdigt werden.

Archivbestand Schweizer Fernsehen

Dem Staatsfernsehen darf an dieser Stelle ein kleines «Kränzlein» gewidmet werden. Das Archiv ist (soweit analoge Datenträger vorhanden waren) zu 100% digital aufbereitet. Die meisten der eigenen Sendungen sind online unter srf.ch/play verfügbar, wenn auch die Suche primär über das Sendegefäss zu erfolgen hat und dort die Option ‹Alle Sendungen› zu aktivieren ist.

Die Perlen erscheinen leider «nur» versteckt bei «Alle Sendungen».

Ist diese Hürde einmal «genommen», so stehen sehr viele und auch sehr gute Sendungen aus früherer Zeit zur Verfügung, einzig die Suchbarkeit ist aktuell (noch) rudimentär. Hilfreich ist es, den genauen Titel der Sendung zu kennen, ebenso lassen sich Beiträge mit bestimmten Personen finden.

Da im Archiv allerdings nur die eigenen Beiträge bzw. jene, bei denen das Schweizer Fernsehen (SRF) über die Urheberrechte selber verfügt, zu finden sind, eignet sich das SRF-Archiv primär für das Aufstöbern alter Sendungen.

Dabei stellt sich natürlich die Frage, welche Beiträge in ein Schweizer Filmarchiv aufgenommen werden sollen. Soll z.B. jede «Schweiz Aktuell»-Sendung erfasst werden? Oder soll der «Samstig-Jass» auch archiviert werden? Aktuell finden sich in meinem Archiv primär jene Eigenproduktionen, die einen gewissen «filmischen» Anspruch genügen.

Serien wie «Fertig lustig» sind dabei eher ein Grenzfall. Wenn aber Schauspieler/innen wie Caroline Rasser oder Erich Vock mitwirken, dann darf diese Frage mit ‹Ja› beantwortet werden, auch wenn es jetzt vielleicht nicht die besten Rollen der genannten Personen sein dürften. Eine Wertung, ob Schauspieler/in X oder Y ins Archiv «gehört», diese Wertung wird nicht vorgenommen, ansonsten es (aus meiner Sicht) beim Missen-Massaker (2012) von Michael Steiner längst und vor der Serie «Fertig lustig» fertig lustig wäre.

Portal Memobase.ch

Nicht vergessen werden darf bei dieser Zusammenstelung die Seite memobase.ch. Hier finden sich (viele) Tausende von Filmdokumenten der Schweizer Zeitgeschichte. Diese Materialen sind zum überwiegenden Teil in sehr guter Qualität mit Metadaten erfasst. So findet sich memobase.ch z.B. (fast) der gesamte Bestand der Schweizer Filmwochenschau.

Gelistet werden dort satte 19667 Dokumente. Nun wurde die Schweizer Filmwochenschau zwischen 1940 und 1975 wöchentlich produziert. Anhand der letzten Ausgabe lässt sich feststellen, dass 1641 Beiträge publiziert wurden. Wie ist es möglich, dass aus 1641 Beiträgen ca. 20’000 Treffer resultieren?

Nun, die Wochenschau wurde dreisprachig in Deutsch, Franzöisch und Italienisch produziert. Damit verbleiben von den ca. 20’000 Treffern noch ca. 7000 Beiträge. Dazu kommt, dass jede Wochenschau meistens aus einigen Beitragen bestand und so resultieren letztlich «nur» 1641 Sendungen.

In diesem Sinne sind die Angaben bei memobase.ch mit etwas Vorsicht zu geniessen. Eine hohe Anzahl der Treffer heisst nicht automatisch, dass das Angebot auch derart allumfassend ist. Der Gesamtbestand der Schweizer Filmwochenschau umfasst ca. 200 Stunden Material. Dies ist keine so hohe Zahl. Bei ca. 20’000 Beiträgen ergibt sich eine Spieldauer von 36 Sekunden, bei 1641 Beiträgen sind es noch immer «nur» bescheidene 7.5 Minuten.

Schweizer Wochenschau: 1641 Filme mit ca. 20’000 Beiträgen?

Trotzdem sind die Materialien bei memobase.ch umfassund und sehr wertvoll, wenn auch mehr für die Schweizer Zeitgeschichte als den Schweizer Film. Aus diesem Grunde gelangen aus dem Portal aktuell eher wenige Beiträge in meine Sammlung, da diese primär das Schweizer Filmwesen abbildet. Einige Ausnahmen gibt es aber: Meine Sammlung umfasst zahlreiche Aufnahmen der Bahnen aus der Schweiz. In diesem Bereich wurden zahlreiche Beiträge übernommen.

Ebenso leiste ich mir den Luxus, in meiner Sammlung einen gewissen (kleinen) Lokalkolorit zu pflegen. In diesem Sinne ist Zürich, das Zürcher Oberland etwas mehr vertreten als z.B. das Berner Seeland, wenn es um dokumentarische Beiträge (diese finden sich bei memobase.ch) handelt. Mag sein, dass ein zu starker Lokalbezug die Bemühungen um eine ausgewogene Gewichtung in einem Schweizer Filmarchiv etwas «torpediert». Aber nur etwas, denn ca. 60 Treffer zu meiner Heimatgemeinde Uster fallen bei über 10’000 Beiträgen jetzt nicht so wahnsinnig ins Gewicht.

Angebote im Internet

Filme, die es ins Kino oder auf kommerzielle Streaming-Portale «schafften», finden sich (mit Ausnahme des Schweizer Fernsehens) faktisch entweder auf physischen Datenträger (VHS, DVD, Blueray) in Bibliotheken (bzw. auch Videotheken) oder aber hinter verschlossenen Türen im Streaming-Angebot. Beiden Angeboten ist gemein, dass es nicht ganz einfach ist, diese Inhalte zu erschliessen.

Auch wenn es letztlich (zumindest auf meinem Computer mit der Open Source Linux Distribution AVMultimedia) immer möglich sein wird, Bildschirminhalte aufzuzeichnen, so wird heute kein Web-Browser ohne DRM-Schutz (Digital Right Management) ausgeliefert. Einfach auf den Aufnahmeknopf drücken, dies geht aktuell an sich nur im zeitversetzten Fernsehen wie teleboy.ch.

Selbst bei Portalen wie Youtube.com oder Dailymotion.com, der Download der Inhalte geht nicht einfach so. Letztlich ist es so, dass alle Anbieter über ein mehr oder minder gutes DRM-Sytem (siehe oben) verfügen. Die (weit) wichtigere Frage müsste aber lauten, warum finden sich beim Monopolisten derart viele Inhalte, die ziemlich offensichtlich ohne die Rechteinhaber erfolgen?

Youtube als Wildwest-Sammlung!

Die Legalität der Quelle stellt sich bei einer Schweizer Privatsammlung insofern wenig, weil auch diese Materialien im Rahmen der Privatkopie zulässig sind. Und so konnten erst gestern viele Filme von Mario Cortesi «aufgefunden» werden, die es sonst nirgends zu finden gibt. Inklusive einem sehr aktuellen Interview (Juni 2025), wo er selber ausführt, dass ihn ein Film nach der Premiere nicht mehr interessiere. Dies mag für das gestalterische Schaffen wohl hilfreich sein, für das filmische Gedächtnis ist es mehr als schade. Übrig bleiben so nämlich nur (im besten Falle) schlechte Kopien, obwohl Mario Cortesi wohl über die Originale verfügen müsste bzw. dürfte.

Chancen einer privaten Filmsammlung

Das Beispiel Mario Cortesi zeigt gut auf, dass Schweizer Filmemacher/innen bislang kaum einen Bezug zum ihrem eigenen Kulturerbe gefunden haben. Herr Cortesi möchte ich auf diesem Wege bitten, einmal nachzusehen, ob nicht doch noch alte Filmrollen bestehen bzw. diese an die Cinémathèque zu senden.

Mir selber ist es aktuell nicht möglich, analoge Filmrollen zu digitalisieren. Jedoch, alles was auf VHS, DVD, Blue-Ray oder digital im Netz irgendwie verfügbar ist, hier kann geholfen werden. Durch der Duchsuchbarkeit der Meta-Daten bei moviebox.ch lässt sich einfach und effizient feststellen, ob ein Film bereits vorhanden ist oder nicht.

Suchmaske in moviebox.ch

Sofern Inhalte nicht verfügbar sind, so bin ich um jeden Hinweis über nicht erfasste Filme dankbar. Noch dankbarer bin ich natürlich um Quellen zu den Werken. Und falls jemand seine private Kopie «loswerden» will, so nehme ich (allerdings nur noch nicht erfasste Materialien) jederzeit entgegen. Filmschaffende dürfen mir gerne auch Kopien ihrer Filme zusenden, sie werden entsprechend in meine Sammlung aufgenommen und lexikalisch erfasst. Ich hoffe mit diesem Beitrag einigermassen gut dokumentiert zu haben, wie meine Filmdatenbank mit aktuell über 10’000 Schweizer Filmen entstanden ist.

P.S: Einige Bilder entstammen den entsprechenden Film-Produktionen in diesem Beitrag. Sie werden hier im Sinne des Zitierungsrechtes verwendet. Eine anderweitige Verwendung ist ausgeschlossen. In diesem Sinne dürfen die Bilder auch nicht ab dieser Homepage kopiert werden

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